Mustermai


Der Mai macht ja bekanntlich alles neu und da dürfen es ruhig auch mal wieder neue Blickwinkel sein. Statt immer die selben alten (Wahrnehmungs-)Muster.
Deswegen frage ich mich den lieben langen Monat:
Welche Muster sehe ich, wenn ich ihnen eine Extraportion Aufmerksamkeit schenke? Was begegnet mir? Was passiert, wenn ich meine Umwelt durch diesen Filter betrachte?
Kein verbissenes Verfolgen, sondern ganz entspanntes Gucken. Damit kann ich genau jetzt und hier anfangen, muss nirgends hin oder irgendwas anders haben. Die Muster dürfen zu mir kommen, ich brauche ihnen nicht krampfhaft hinterher rennen. Weich bleiben und neugierig, das ist der Trick. Mal sehen, ob er glückt.
Macht wer mit?
Frisch

Alles fresh, frühlingsfresh.
Spaziergang am Wasser. Das Blau strahlt oben wie unten, an den Seiten wird das Grün mit jedem Tag dschungelhafter. So kommt der Straßenkrach kaum noch bis zum Ufer, ich kann ihn fast ausblenden beim Schlawenzeln auf den schmalen Pfaden. Kehre dem Asphalt für den Moment den Rücken, schaue stattdessen dem ruhigen Reiher zu, standhaft zwischen den eifrigen Enten. Und den Hummeln in den Nesseln, den Meisen in den Büschen, den Elstern in den Bäumen.
Gar nicht lang, aber doch genug, um selber wieder frisch zu werden.
Auftauen

Wieder warm und wach werden,
wieder rausgehen und hinsehen,
wieder aufatmen und austauschen.
Auf geht's.
Abtauen

Ist etwas zugefroren hier, so richtig warm werde ich mit diesen Seiten im März noch nicht. Statt mit aller Gewalt auf's Eis zu hauen, es zerschlagen zu wollen, in der Hoffnung, dass es dann wieder läuft, versuche ich es mal mit einer anderen Taktik. Eher so, wie wenn ich den Kühlschrank abtaue: abschalten, alles raus räumen, Tür offen lassen, abwarten. Vielleicht mit etwas warmen Wasser rumdampfen, maximal. Und dann etwas später wieder nachschauen, ob's frei ist. Kann ich nicht beschleunigen, muss ich geduldig sein. Ich sehe ja, was passiert. Drum lasse ich hier auch gerade mal alles ruhen, räume (innerlich) auf, mache die Tür weit auf und schaue so Anfang April mal nach, was sich getan hat. Die Märzsonne hat ja schon ordentlich Power, da löst sich sicher was auf. Ich warte mal ab, was der Frühling so mitbringt. Wir sehen uns dort.
Finale

Ein Monat geht zu Ende, eine Woche neigt sich dem Ende, der Tag endet. So ist das. Mal ist es ein fulminanter Abgang, eindrucksvoll und mit großer Wirkung, mal eher ein unspektakulärer, leiser Abschluss. Oft ist es so schnell vorbei, dass wir zum Ende hin überrascht sind, wie es denn schon wieder so unbemerkt und klammheimlich an uns vorbei huschen konnte. Und so vergeht ein Tag, eine Woche, ein Monat. Letztlich ein Jahr, vielleicht ein ganzes Leben, wenn wir nicht aufpassen. Heißt: Wenn wir nicht aufmerksam sind.
Deswegen lasst uns den Monat verabschieden und den Tag bewusst ausklingen, braucht ja nur einen kurzen Moment, ein paar lose Gedanken.
Wie ist es uns ergangen? Was nehmen wir gerne mit in den März, was darf zurück bleiben? Welcher Eindruck bleibt und welchen bleibenden Eindruck wollen wir im kommenden Monat hinterlassen?
Danke, Februar. Wir sehen uns bald, lieber März. Bis dann.
Frühling

Das Grün bricht durch's Grau.
Die Schneeglöckchen luken aus den Vorgärten, wenn ich die Straße runter gehe. Die Amsel flötet lauthals, wenn es noch stockdunkel ist. Die Sonne wärmt schon, wenn es auch noch frostig ist. Es ist noch hell, wenn ich in den Feierabend gehe. Es ist schon heller, wenn ich frühs verpennt Kaffee mache. Es sitzen schon Menschen draußen vor den Cafes, wenn ich durch die Stadt laufe. Es liegt eindeutig Frühling in der Luft, wenn es auch offiziell noch Winter ist.
Der Frühling bringt die Einladung mit, genau hinzusehen, hinzuhören, hinzuspüren. Er bringt Veränderung mit, macht neu und erhellt, was die letzten Monate im Dunkeln geschlummert hat. Er fragt uns, wie wir wieder mehr Licht, Leben und Wärme in unseren Tag zaubern können.
Was werden wir ihm antworten?
Fadenfreude

Wer den Faden hat, braucht für den Spaß nicht zu sorgen.
So würde ich ein ähnlich geneigtes Sprichwort mal umdichten. Denn, mal völlig spaßfrei betrachtet, was ein Faden alles kann, wenn man ihn zu nehmen weiß. In meditativer Handarbeit lassen sich wärmende Kleidungsstücke herstellen, damit lange Zugfahrten und dunkle Abende versüßen, die Finger beweglich halten. Und, wie ich finde, auch verlässlich fiese Gedankentheater beenden. Noch ein bisschen Musik im Hintergrund, immer wieder die gleiche Masche nehmen, immer wieder und immer wieder, und schon ist ein Pulswärmer fertig und das Hirngeplapper stiller. Was will es auch sagen, wenn eh nicht hingehört wird. Schließlich gibt es zu tun. Was eine Freude.
FamilieUndFreunde

Egal, ob von Geburt gegeben oder im Laufe des Lebens selbst gewählt. Ob Freunde, die sich wie Familie anfühlen oder Familie, die sich eher wie ferne Bekanntschaft anfühlt. Ob es eine Gruppe ist, die für uns den Familienkreis ersetzt oder ob wir uns bewusst für etwas mehr Abstand von irgendeinem Kreis entschieden haben, damit wieder mehr Verbindung zu uns selbst entsteht...ganz egal. Ich tauge wirklich nicht für komplexe Erläuterungen oder so, deswegen sei (besonders in diesen Zeiten) nur eins hervorgehoben: Mögen wir lieb zueinander sein. Ehrlich, aufrichtig, kritisch, ja auch das - aber liebevoll, das unbedingt. Zu den anderen und zu uns selbst. Aus vollem Herzen, einfach so. Sei es Familie, Freunde oder (noch) ganz Fremde.
Fotografieren

Hält fest, was war. Und ist gleichzeitig für mich so viel mehr als das. Der Begriff ist zu groß, um sich hier in seiner Bedeutung für mich in Worten beschreiben zu lassen. Trifft es sowieso nicht. Was diese Bildbetrachtung trifft, ist mein Fernweh, kombiniert mit nostalgischer Freude und träumerischer Erinnerung, Dankbarkeit und bittersüßer Trauer über das Vergehen der Zeit, als ich zufällig bemerke, dass das Foto heute sechsjährigen Geburtstag feiert. Damals stand ich am Meer, heute sitze ich hier und schreibe das auf - wo bin ich wohl in sechs weiteren Jahren? Who knows. Bebildern möchte ich diesen Weg in jedem Fall, ohne fehlt mir was.
Feierabend

Das Wort, was wir in der Regel mit einem gewissen erleichterten Ausatmen aussprechen. Die Arbeit ist getan, reicht für heute, Feierabend. Jetzt beginnt nach der Arbeit das Vergnügen, die Erholung, die private Freizeit. Im besten Fall. Im allerbesten Fall verlassen wir nicht nur physisch den Arbeitsort, sondern auch alle fleißigen jobbezogenen Gedanken unseren Kopf. Ein Traum. Absolute Ruhe, Freiheit, Müßiggang vom Feinsten. Passiert nur leider sehr selten. Jeden noch so kleinen Moment, der sich ansatzweise so anfühlt, gilt es darum ordentlich auszukosten. Ablegen, loslassen, aaah.
Denn dies sind, wie gesagt, die besten Fälle. So oft ist "Feierabend" ein schwammiges Konstrukt geworden, dank Heimbüro und Handyerreichbarkeit. Ach, ich mach' das noch schnell fertig, schau noch mal schnell... hab's ja mit nach Hause genommen, gedanklich sowieso. Oder nach der Erwerbsarbeit geht die eigentliche Arbeit zu Hause erst los, türmen sich ToDos und Notwendigkeiten. Und wieso verbinde ich den Feierabend in erster Linie mit Erwerbsarbeit? Haus- und Care-Arbeit daheim folgen ja nicht den festgelegten Wochenstunden, da kann man sich nicht einfach rausnehmen. Vielleicht seine eigene Form des Feierabends finden, schließlich laufen wir nicht pausenlos...deswegen: einen Moment erleichtert ausatmen, Feierabend sagen und in den Himmel schauen. Diesen Minimoment kann alles andere ja wohl mal warten. Schönen Feierabend allerseits.