Fotografieren fürs Gemüt

Ein Sammelalbum

Finger

Tippen hier in die Tasten und dürfen so an dieser Stelle ihr eigenes Loblied niederschreiben. Packen immer kräftig an, um mir eine Hilfe zu sein und oft habe ich nur einen kritischen Blick für sie übrig, weil die Optik nicht stimmt. Hä? Da stimmt ja dann wohl eher bei mir was nicht.

Nein, was doch eigentlich wichtig ist: Sie sind noch vollzählig, gesund und beweglich. Sie spüren und berühren, fassen an und schütten aus, schließen auf und packen ein, halten fest und lassen los, ziehen an und setzen auf, tragen schwer und lösen aus. Sie fädeln und werkeln, streicheln und schreiben, drücken und winken, putzen und kochen, fühlen und wühlen, sie wärmen sich an Heißgetränken und kühlen sich unter Wasserhähnen. Um nur eine Auswahl zu nennen.

Also: Danke, ihr seid top. Echt, Daumen hoch.

Fühlen

Fühlen, wie der Schnee unter den Schuhen knatscht. Wie sich meine Arme und Beine im Laufen bewegen. Wie der Wind zugig um meine Nase pustet. Fühlen, wie die Sonne trotzdem schon Wärme hinterher schickt. Und wie meine Stimmung davon nicht unberührt bleibt. Fühlen, wie warm meine Zehen und wie kalt meine Fingerspitzen sind. Fühlen, dass ich Platz und frische Luft und mehr als nur diesen Moment Zeit habe. Fühlen, was nach der Woche noch unabgeschlossen in mir arbeitet. Wie ich dem nachhänge und doch lieber beim Fühlen, statt beim Denken bleiben möchte. Fühlt sich hier gerade so gut an, zwischen Winter und Frühling, zwischen Bäumen und Boden, zwischen Sonne und Schneeglitzer.

Freitage

Für Zukunft. Im Ausleben der Freiheit, unsere Meinung lauthals auf offener Straße kundzutun. Miteinander laufen, Schilder halten, Sprechchöre anstimmen:
"Auf die Straße
immer wieder
gegen Nazis
für das Klima"

In dem Bewusstsein, dass das hier wichtig und gleichzeitig viel zu wenig ist. Wir viel zu wenig sind. Viel zu wenig tun. Und im selben Moment unterstützt und motiviert werden durch die Präsenz der anderen. Der fühlbare Beweis, dass ich mit meiner Meinung, meinen Ansichten nicht alleine bin. Der Wunsch, dass sich uns noch mehr anschließen mögen. Und auch ich mich wieder öfter anschließe, zukünftig. Bequemlichkeit kann ich mir, wie wir alle, in dieser Hinsicht ja nun wirklich nicht leisten. Diese meinungsäußernde, demonstrierende, lautstark protestierende Freiheit lebt sich schließlich nicht von selbst aus. Nutzen wir sie weise. Jetzt und in Zukunft.

Flauschig

Wolldeckenfeeling, schlicht und einfach. Ohne ist der Februar (ach, das Jahr) für mich undenkbar. Es soll Menschen geben, die tatsächlich ohne zurecht kommen. Ist mir rätselhaft, wie das gehen soll. Wärmequelle, Sicherheitsgeber, Gemütlichkeitsgarant und flauschige Flucht in einem. Mich einhüllen, einlullen in ihre weichen Wollfäden, für einen Moment die frostige Welt an ihr abprallen lassen. In ihr zu Sanftmut, Weichheit und Wärme zurückfinden. Möchte ich am liebsten allen umhängen, in der Hoffnung, dass das ansteckend ist.

Fluss

An manchen Tagen ist das Wasser klar, an anderen trüb. Der Wasserstand mal hoch, mal niedrig. Das Getummel am Ufer mal mehr, mal weniger lebendig. Er verändert sich in seiner Fließgeschwindigkeit, wirkt oft so entspannt und plätschernd, dann wieder sturzbachartig aufgewühlt. An manchen Stellen blockieren Stöcke und Unrat seinen Lauf, stauen allerlei Krams an, der da nicht hingehört. An anderen Ecken ist sein Fluss ungehindert frei. In seinen ruhigeren Randgebieten treffen sich die, die von und mit ihm Leben, ernähren sich von dem, was er so mitbringt. Und ich sehe gern dabei zu, wie er sich Tag für Tag gibt, wer sich heute wieder unter der Brücke sehen lässt.

Wasser steht für Emotionen, taugt als Spiegel für die Gefühlswelt und so nimmt das Flüsschen auch meine mit. Sammelt sie, klärt sie, trägt sie fort und spült neue ran. Verändert sich, wie sich auch die Stimmungen verändern. Und trägt durch seine Anwesenheit dazu bei, dass ich mich in meiner Wahlheimatstadt besonders wohl fühle. Genau wie die gefiederten Freunde. Nah am Wasser gebaut. Unbedingt.

Fahrt

Im Zug, noch leer und ungewohnt ruhig, vielleicht der frühen Uhrzeit geschuldet. Mit Fensterplatz, klaro. Einfach fahren, sitzen, schauen, was an mir vorbeizieht. Ich sehe was, was du hier liest:

Kahle Bäume. Braune Felder. Dazwischen Feldwege. Noch leere Straßen. Wolkenschlieren. Krähen. Ein paar Gartenhäuschen. Wieder Felder. Vier Rehe. Eine Reihe Büsche, eingefrostet. Strommasten. Häuser, manche neu gebaut, einige verfallen. Industriegebäude. Graffiti an einer Lagerhalle. Ampel. Mehr Strommasten. Hinweisschilder. Ein Schwarm Tauben. Rosa Sonnenaufgang. Waldstück. Zäune. Gerümpel im Garten. Ein Greifvogel auf seinem Ast. Wiesen. Flüsschen. Weiden am Ufer. Darüber Blauer Himmel. Flugzeug mit Kondenstreifen.

Sowas halt. Lässt sich ja unbegrenzt fortführen, so eine schlichte, sachliche Aufzählung von allem Gesehenen. Nette Nebenwirkung: Eröffnet neue Einblicke in die scheinbar bekannte Umwelt und hält die gedanklichen Schreckgespenster in Schach. Gute Fahrt, sag' ich mal.

Faul

Ich ertappe mich bei dem Gedanken, noch was schreiben zu "müssen". Noch ein Foto machen zu "müssen". Neben all den anderen "Müssens" des sogenannten Werktages stehen sie damit in guter Gesellschaft. Und apropos Gesellschaft: Weil ich natürlich ein Kind selbiger bin, bezeichne ich mich gleich als "faul", wenn die ganze Reihe nicht erwartungsgemäß abgearbeitet wurde.

Stop! Da will ich was umlernen, neu benennen und Anspruchshaltungen verändern. Schwierig, schwierig, aber lohnenswert, denk' ich.

Also: Ja, ich habe hier zwei Tage nicht geschrieben, obwohl ich mir das anders vorgenommen habe. Das Hirn war träge und voll mit anderem Zeug, der Rest nicht zu bewegen noch mitzumachen. Ist dann so, bringt ja nix. Sonst wird's murx und das braucht niemand. Drum Tagesform beachten und vielleicht den Anspruch aufgeben, irgendetwas wirklich JEDEN Tag zu tun. Außer essen, schlafen, Zähneputzen vielleicht. Schließlich "möchte" ich schreiben und Fotos machen und das Ding hier am Laufen halten, ohne Frust, dafür mit Freude. Deswegen: Pausenzeiten beachten, bitte. Danke.

Fußboden

Der Boden unter unseren Füßen. Immer wieder die Einladung, die Nase aus den News zu nehmen und zu fühlen. Eine spontane Erkundungsreise hin zu Erdung und Bodenhaftung zu unternehmen. Also, Atmen und kurz die Aufmerksamkeit nach unten, bitte.

Wo stehe ich gerade? Wie nehme ich meine Füße wahr? Auf welchem Untergrund? Was erspüre ich mit den Fußsohlen? Was Hartes, Weiches, Warmes oder Kühles? Erlaube ich mir, mich von dem Boden unter mir tragen zu lassen? Möchte ich noch was abgeben? Wie viel Platz haben meine Zehen? Wie fest ist mein Stand? Kann ich das gerade alles so ok sein lassen, ohne es anders haben zu wollen? Was erlebe ich sonst noch so, wenn der Fußboden für meinen Tastsinn gerade das größte Highlight darstellt?

Atmen und wieder ankommen. Mehr muss ja gar nicht sein. Mehr braucht's ja auch manchmal gar nicht sein. Nur mal kurz nach unten spüren und schauen. Gute Reise.

Flaneuse

Weibliche und soviel weniger gebräuchliche Form des französischen Begriffes "Flaneur". Laut Wikipedia "ein Mensch, der im Spazierengehen schaut, genießt und planlos umherschweift – er flaniert, beziehungsweise er gibt sich der Flanerie hin." Im Kreuzworträtsel auch die passende Antwort zu "Bummler, Müßiggänger". Natürlich spricht man auch hier in erster Linie in der männlichen Form. Zielloses, genussvolles Umherspazieren ist im Tages- und Lebensplan der Mehrheit der Frauen in Geschichte und Gegenwart nicht vorgesehen (gewesen). Schlimm genug.

Einfach gehen, schauen, inspiriert werden, entspannen, mit der Welt in Verbindung treten. Schritt für Schritt die Füße auf dem Boden spüren, die Gedanken an den Wind abgeben, einatmen, ausatmen. Stehenbleiben, in der Sonne pausieren, auf's Wasser gucken. Der Passantin zulächeln. Weitergehen. Mehr nicht. Und sei es für ein paar Augenblicke. So simpel, so rebellisch in seiner Ignoranz gegenüber zielorientierter Produktivität und allgegenwärtiger Konsumkultur. Nein, ich möchte nirgends hin. Ich spaziere nur. Weil's mir Spaß macht. Und bin mir bewusst, dass das keine Selbstverständlichkeit, sondern Privileg meiner Lebenssituation ist. Damit wiederum praktisch meine Pflicht, mich der Flanerie hinzugeben, um auch andere mitzunehmen, abzuholen. Stell ich mir schön vor, wenn wir alle einfach mehr mit uns selbst spazierengingen. Absichtslos, genussvoll. Mehr nicht.

Nein, heute kein Foto. Zu produktiv für's Flanieren. Ein andermal wieder.

Forst

Famose Farben und Formen, selbst im tristen Februar. Ob in der Höhe oder am Boden, es findet sich überall Fabelhaftes, was gewürdigt werden will. Ob in der Matsche oder in der Sonne, immer zieht's mich in den Wald. Zu den Fichten und Flechten, den Farnen und Finken. Ob Feierabend oder Ferientag, nirgends fühlt sich freie Zeit sonst so fabelhaft verbracht an. Fantastischer Forst.