Außergewöhnlich
Lange wach bin ich noch nicht, als ich in die Küche komme und vom grünen Hinterhof her das laute Warnen der Amsel höre. Außergewöhnlich schnell und schrill, someone is really not amused. Ich gucke aus dem Fenster, über die Baumspitzen und Dachgiebel, in den blauen Himmel, durch den Schwalben pesen und Spatzen flattern, Tauben vor Krähen flüchten und weiße Wolken hindurchwandern. Aus dem Augenwinkel sehe ich, wie ein Greifvogel mit Beute auf dem flachen Blechvordach schräg unter unserem Küchenfenster landet. Ein Turmfalke, maximal fünfzehn Meter entfernt - Wahnsinn. Jetzt bin ich munter.
Geschützt zwischen den hohen Hauswänden hält der Falke einen Vogel zwischen seinen Krallen, sieht sich wachsam um, checkt ständig die Sicherheitslage. Das arme Ding zu seinen Füßen könnte eine junge Amsel sein, nicht mehr klein, aber vielleicht doch noch zu schwach, um schnell genug zu flüchten. Vielleicht blieb die schrille Warnung des Elternvogels vorhin ohne Erfolg - Abwehr nicht geglückt. Die arme Amsel, Opfer des zufriedenen Falken, der auch nur satt werden will, in Ruhe frühstücken und letztendlich überleben. Fasziniert, betroffen und leicht angewiedert durch das zerpflückte Fleisch, kann ich doch nicht wegsehen, wie der Turmfalke den toten Vogel zerreißt, frisst, pickt, ihn fest in seinen Krallen hält. Immer wieder schnell aufsieht, die Umgebung scannt, wachsam bleibt. Ich beobachte das megaschöne Tier, seinen hellen, schnellen Kopf mit hakenähnlichem Schnabel, dunklen Knopfaugen. Das warme, rotbraune Gefieder mit schwarzem Muster glänzt leicht in der Morgensonne. Pure Eleganz und Kraft, rohe Schönheit und natürliche Präsenz. Was man halt für viel verwendete Worte findet, in so einem Moment.
Und doch werde ich unruhig beim Zusehen, kann nicht einfach bei der Sache - nämlich der schlichten Beobachtung dieses außergewöhnlichen Moments - bleiben, in dem sich hier Naturschauspiele gleich vor meinem Küchenfenster auftun. Ein Greifvogel frisst hier direkt auf unserem Dach, gleich neben den Planzenzöglingen und gelüfteten adidas-Turnschuhen der Nachbarn! Wie oft kommt das vor? Warum werde ich bereits nach einigen Momenten nervös? Innere Fragen nach Kamera holen (nee, zu wenig Brennweite), Fernglas holen (ja, schon eher - aber jetzt? - wenn er dann wegfliegt - ach, beeil dich einfach), doch schon Kaffee machen und ihn weiter unbemerkt fressen lassen, denn ich hab's ja jetzt gesehen? Gleichzeitig bemerken, wie ich all das einfach weiter aufnehmen, genau beobachten und für mich festhalten will. Es nicht für gewöhnlich nehmen möchte. Und es mit meinem schlichten Gedanken ans Kaffeekochen doch so leicht ins Gleichgültige ziehen kann.
"Ich nahm es mir übel, mich an den Anblick der Tiere zu gewöhnen", schreibt Sylvain Tesson im "Schneeleopard".
Ich verstehe, was er meint. Mir geht es auch so. Sicherlich ist das hier nicht der Himalaya und die Tiere sind keine exotischen Yaks und Blauschafe. Dennoch - sind Schwalben, Spatzen und Falken etwa weniger nennenswert, nur weil ich sie hier täglich sehe?
Ich möchte mich an den Anblick der Tiere, der Natur, der Schönheit vor meinem Fenster nicht gewöhnen. Ich möchte es nicht als gegeben hinnehmen, dass ich hier leben darf, zwischen ihnen, mit ihnen. Ich möchte mich an ihnen freuen, Veränderungen bemerken, aufmerksam sein für ihre Lebendigkeit und ihr Leiden. Sie schützen in ihrer Fragilität, ihrer Besonderheit und Vielfalt. Neugierig und interessiert bleiben. Ich möchte alles, nur keine Gewöhnung. Sie stumpft ab und macht gleichgültig, lässt mich nichts spüren. Erdulden, ja, vielleicht - erleben, nicht wirklich. Gewöhnung kann mich aushalten lassen, was schwer erträglich ist, das sicherlich. Aber aus diesem Grund kann sie auch Veränderung verhindern. Indem ich mich einrichte in meinem Gewohnten. Es nicht weiter hinterfrage, egal, wie unbequem und schmerzhaft - oder eben genau deswegen. Was ich einfach gewohnheitsmäßig hinnehme, Tag für Tag, brauche ich nicht verändern, verteidigen, verstärken. Es verblasst in seiner Intensität, wird kaum spürbar, nur noch aushaltbar, ausblendbar, erträglich. Ein grandioses menschliches Phänomen, im Positiven wie Negativen, um letztlich sicherzustellen, dass wir möglichst ohne großen Energieaufwand überleben. Dem aber doch sicher mit etwas Aufmerksamkeit beizukommen ist, wenn es mir zusätzlich um's bewusste, energiegeladene Gestalten meiner mir geschenkten Tage gehen soll.
Diese Einträge sind meine Erinnerung daran, mich nicht zu gewöhnen.
Weder an diese wunderschöne Stadt, in die ich just gezogen bin, noch an die Natur, die hier direkt um mich herum wartet, und die ich doch so herbeigesehnt habe. Weder an das Lichtspiel der Morgensonne in unserer Wohnung oder die Gegenwart meines Partners, noch an die Möglichkeit mir Kaffee zu kochen oder meine Lieben zu sehen. Denn all dies ist flüchtig, nichts davon permanent. Auch an diesen Gedanken gewöhne ich mich zu schnell, bis er verblasst. Ich bekomme keine Garantien. Die Sonne verändert ihren Einfallswinkel, meine Lieben werden nicht ewig bei mir sein - unsere Lebenssituation ist angreifbarer, als wir gern glauben wollen. Dieser Fakt ist keine Neuigkeit, nun wirklich nicht. Aber wertvoll genug, um immer neu von mir betrachtet zu werden.
Der Turmfalke reißt plötzlich seinen Kopf hoch, wirkt erschreckt. Und mit einem starken Flügelschlag erhebt er sich mitsamt seiner Beute in den den Schutz der Bäume, zieht einen Kreis zwischen ihren Kronen und hebt ab über unser Dach. Ich sehe nur noch seinen schwarzen, fliegenden Schatten gegen den hellen Morgenhimmel über mir hinwegziehen.
Natürlich bleibt er nicht ewig.